Donnerstag, 24. Oktober 2019

Der deutsche Rohstoffhunger und die Folgen


Zumindest rein materiell scheinen Palmöl und Kupfer- bzw. Molybdänerz nicht viel gemeinsam zu haben. Doch für unser Produktions- und Konsummodell haben beide die Bedeutung von Massenrohstoffen. Länder wie Mexiko und Guatemala produzieren sie massenhaft und richten ihre Wirtschaft auf den Export aus. Die Rohstoffe werden von deutschen Unternehmen importiert, die sie für die Verarbeitung in Alltagsprodukten wie Donuts und Smartphones aufbereiten. Die von der Christlichen Initiative Romero herausgegebene Studie „Der deutsche Rohstoffhunger“ zeigt auf, dass die Produktion der Rohstoffe ähnliche menschenrechtliche Folgen hat.
Quelle: ww.ci-romero.de 

Dienstag, 15. Oktober 2019

Flugverkehr: Zeit für Verantwortung


Fliegen ist die Aktivität einer kleinen globalen Elite – und sie verursacht Unmengen an klimaschädlichem CO2. Es wird Zeit, dass jeder Einzelne Verantwortung übernimmt.

Kommentatorinnen und Kommentatoren in verschiedenen deutschen Medien haben in den vergangenen Wochen behauptet, dass wir uns "für das Fliegen nicht schämen müssen". Zwei der am häufigsten angeführten Argumente sind diese: Das Fliegen stehe nur für wenige Prozent der globalen Emissionen, kein Flugreisender müsse sich da Gedanken machen. Und: bereits in naher Zukunft werde das Klimaproblem sowieso durch technische Innovationen gelöst, Fliegen werde immer effizienter. Aus wissenschaftlicher Sicht stellt sich das anders dar. Dazu muss man zunächst wissen, dass nur geschätzte drei Prozent der Weltbevölkerung innerhalb eines Jahres in ein anderes Land reisen. Auch in Deutschland nutzt weniger als die Hälfte der Bevölkerung das Flugzeug. Fliegen ist, zumindest global gesprochen, die Aktivität einer kleinen Elite. Auch innerhalb dieser Elite ist Flugaktivität nicht gleich verteilt. Es gibt einen kleinen Anteil von Flugreisenden, die sehr viel fliegen, bis zu 300 Mal im Jahr. Diese Vielflieger können Hunderttausende Kilometer zurücklegen und Tausende von Tonnen CO2 produzieren. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Erdbürger verursacht im Jahr Emissionen von weniger als fünf Tonnen CO2, selbst in Deutschland liegt der Durchschnitt bei "nur" neun Tonnen CO2.

Die Verantwortung für Emissionen übernehmen

Ob man fliegt, ist also sehr relevant für das Klima. Genau deswegen brauchen wir auch eine Debatte darüber, wer viele Emissionen verursacht und zu welchem Zweck. Es gibt Menschen, die fliegen einmal im Jahr in den wohlverdienten Urlaub zu einem nahen Ziel. Es gibt aber auch Geschäftsreisende, die zusätzliche Fernreisen machen, nur um in ihrer Vielflieger-Statusklasse zu bleiben. Auf Englisch spricht man von "mileage runs". Genau dies ist der Ansatzpunkt der Flugschamdebatte: Sie fordert jeden Einzelnen dazu auf, persönlich Verantwortung für Emissionen zu übernehmen. Die Bundesregierung versucht seit den Neunzigerjahren, die Industrie zu Emissionsminderungen zu verpflichten. Dieser produktionsbezogene Ansatz hat nicht funktioniert, die deutschen Klimaziele wurden verfehlt. Die Strategie hat auch deshalb nicht funktioniert, weil eine kleine Klasse von "Superemittern" immer größere Emissionen verursacht. Das Argument, der relativ kleine Anteil eines Wirtschaftssektors an den Gesamtemissionen mache diesen Sektor irrelevant, zeugt von einem grundlegenden Unverständnis der gesellschaftlichen Strukturen und Dynamik der Emissionsentwicklungen. Darum ist auch die Vorstellung falsch, durch Technologie alles richten zu können. Flugzeuge werden immer effizienter, das ist richtig. Es fliegen aber auch immer mehr Menschen. Effizienzgewinnen von einem Prozent pro Jahr steht ein Nachfragezuwachs von bis zu sieben Prozent pro Jahr gegenüber. In der Konsequenz verdoppeln sich die Emissionen aus dem Flugverkehr etwa alle 20 Jahre. Ohne ernstzunehmende Klimapolitik wird sich das nicht ändern. Um die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, müssen alle Sektoren ihre Emissionen reduzieren. Im Flugverkehr wird das nur möglich sein, wenn Abgaben in einer Höhe erhoben werden, die die Entwicklung alternativer Technologien und Treibstoffe ökonomisch sinnvoll macht. Abgaben sollten also in Abhängigkeit vom ausgestoßenen CO2 erhoben werden, ausreichend hoch sein (50 Euro pro Tonne sind realistisch), und kontinuierlich steigen.

Die Subventionen nutzen den Vielfliegern

Das Argument, eine solche Politik würde Arbeitsplätze vernichten oder arme Familien ihrer Urlaubsmöglichkeiten berauben, ist nicht haltbar. Der Flugverkehr ist in Deutschland massiv subventioniert, was dazu führt, dass es teurer ist, mit der Bahn zu fahren als zu fliegen. Diese Subventionen nutzen also insbesondere den vielfliegenden ökonomischen, kulturellen und politischen Eliten. Wirklich arme Familien fliegen nicht in den Urlaub. Sicherlich brauchen wir aber auch ein besseres Verständnis des Einzelnen, was CO2 ist und wie viel CO2 wo entsteht. Gerade bei den energieintensiven Flugreisen sollte besser nachvollziehbar sein, wie klimaschädlich diese sind. Dazu wäre es hilfreich, wenn Angaben zu Emissionen auf jedem verkauften Flugticket zu finden wären: "Diese Reise verursacht 800 Kilogramm CO2, das entspricht 20 Prozent der nachhaltigen Emissionen von 4000 Kilogramm CO2 pro Person und Jahr". Reisende können so nicht nur besser einschätzen, was eine Flugreise für das Klima bedeutet, sondern sich auch über Alternativen Gedanken machen: Nehme ich doch lieber den Zug? Welches ist die klimafreundlichste Fluggesellschaft? Sollte ich eine Klimakompensation kaufen? Sich für einen Flug zu schämen, ist also ein guter Einstieg in den Klimaschutz.

Stefan Gössling ist Professor am Institut für Service Management der Universität Lund und an der School of Business and Economics der Linné-Universität in Kalmar (beide Schweden). Er forscht zu Klimawandel, Mobilität und Tourismus. Gössling berät zahlreiche internationale Organisationen und Regierungen und ist Mitverfasser des 4. Rahmenberichtes des Weltklimarats IPCC.  


Quelle: Tourism Watch/Stefan Gössling; Bild Frank Herrmann

Sonntag, 6. Oktober 2019

Fast Fashion – eine Bilanz in drei Teilen


Fast-Fashion-Marken reagieren ganz kurzfristig auf neue Trends, bringen fast wöchentlich neue Kollektionen auf den Markt und das zu absoluten Niedrigpreisen. Spätestens seit dem Einsturz des Rana-Plaza-Fabrikgebäudes in Bangladesch 2013 steht dieses Wirtschaftsmodell in der Kritik, weil es den Preis- und Zeitdruck in der Lieferkette weitergibt – bis zu den Arbeiterinnen und Arbeitern, die die Mode unter menschenunwürdigen Bedingungen fertigen. Die Christliche Initiative Romero (CIR) zieht in diesem Dossier nun eine ausführliche Bilanz über die ökologischen und sozialen Folgen der Fast-Fashion-Industrie und beleuchtet besonderes die Verantwortung der Marken.





Teil 1 – Arbeitsbedingungen untersucht konkret in zehn Textilfabriken in Sri Lanka, unter welchen Bedingungen Fast Fashion für Primark und C&A produziert wird.


Teil 2 – Einkaufspraktiken gibt Aufschluss darüber, wie die Fast-Fashion-Marken ihre Produkte beschaffen und mit ihrem Einkaufsverhalten für unwürdige Arbeitsbedingungen und Ressourcenverschwendung sorgen – und was sie ändern müssen, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden.


Teil 3 – Die Folgen in Zahlen bietet in vielen Infografiken eine Übersicht über das verheerende Ausmaß menschlicher und ökologischer Ressourcen, die die Fashion-Industrie jährlich verschlingt.

Quelle: Christliche Initiative Romero (CIR)



Freitag, 27. September 2019

Importiert Nestlé Palmöl aus Zwangs- und Kinderarbeit?


In fast jedem sechsten Produkt im Schweizer Detailhandel steckt Palmöl. Auch in den Produkten des Schweizer Nahrungsmittelriesen Nestlé ist Palmöl omnipräsent. Eine neue Recherche von Solidar Suisse zeigt, wie Arbeiter und Arbeiterinnen auf Plantagen in Malaysia, von denen Nestlé Palmöl bezieht, ausgebeutet werden. Auch Kinder- und Zwangsarbeit ist weit verbreitet.

Die Schweiz bezieht ein Drittel des Palmöls aus Malaysia. Ein großer Teil davon stammt aus dem Bundesstaat Sabah, im Nordosten der Insel Borneo. Die schwere und gefährliche Arbeit auf den Plantagen machen hauptsächlich Arbeitsmigranten aus Indonesien. Obwohl die Industrie auf sie angewiesen ist, leben von den insgesamt 1,2 Millionen Arbeitsmigranten in Sabah 70 Prozent ohne gültige Papiere in der Illegalität. Aufgrund regelmäßiger Polizeirazzien sind sie gezwungen, sich auf den abgelegenen Plantagen versteckt zu halten. Ohne jeglichen rechtlichen Schutz sind sie der Willkür der Plantagenbesitzer ausgeliefert, welche ihnen nicht nur die Arbeitsbewilligung vorenthalten, sondern häufig auch den indonesischen Pass entziehen. Bei Fehlverhalten wird mit der Polizei oder der Entlassung gedroht und die Löhne reichen oft nicht zum Leben. "Mein Einkommen hängt von der Ernte ab. Wenn es nur wenige Früchte gibt, ist mein Einkommen niedrig. Manchmal ist es nicht einmal genug fürs Essen." sagt Abduh, ein Pflücker. Zwischen 50.000 und 200.000 Kinder leben mit ihren Eltern auf diesen Plantagen und unterstützen sie bei der Arbeit. Auch die Jugendliche Ati ist eines dieser Kinder: "Ich bin auf der Plantage geboren und aufgewachsen und konnte nie zur Schule. Seit ich mich erinnern kann, helfe ich meinen Eltern beim Sammeln der Früchte." Kinder, die auf den Plantagen geboren wurden, sind häufig sogar staatenlos, denn Malaysia stellt keine Geburtsurkunden für Kinder von Arbeitsmigranten aus. Diese Kinder haben keinen Zugang zu öffentlichen Schulen oder zu medizinischer Versorgung und somit kaum Chancen auf ein Leben außerhalb der Palmölplantage.

Nestlé kauft Palmöl aus den untersuchten Plantagen

Der weltweit größte Nahrungsmittelkonzern Nestlé bezieht Palmöl aus Sabah im großen Stil, auch aus jenen Mühlen, die von den untersuchten Plantagen beliefert werden. Nestlé und andere Lebensmittel- und Agrarkonzerne profitieren damit indirekt von den Tiefstlöhnen, dem mangelnden Schutz der Arbeiter sowie der Kinder- und Zwangsarbeit auf den Palmölplantagen. Die tiefen Arbeitskosten sind Mitursache für den billigen Weltmarktpreis, der die Verwendung des Rohstoffs weiter befeuert: Ein Teufelskreis, der auf Kosten von Mensch und Umwelt geht. Von einem Leisi-Blätterteig von Nestlé für 3.20 Franken gehen nur 0.02 Rappen an die gesamten Arbeitskosten auf den Plantagen. Obwohl Nestlé beteuert, keine Zwangs- und Kinderarbeit in der Lieferkette zu dulden, sind diese schlimmsten Formen der Ausbeutung in den Lieferketten des Konzerns weit verbreitet. Dies zeigt einmal mehr, dass Themen wie Menschen- und Arbeitsrechte immer noch zu weit unten auf der Prioritätenliste grosser Konzerne stehen. Um das zu ändern, braucht es gesetzliche Regeln, wie dies beispielsweise die Konzernverantwortungsinitiative fordert. Simone Wasmann, Co-Autorin der Palmölrecherche, sieht Handlungsbedarf bei Nestlé: "Wenn Nestlé es wirklich ernst meint mit sozialer Verantwortung und Nachhaltigkeit, dann muss der Konzern nun auf seine Zulieferer und Geschäftspartner in Sabah Einfluss nehmen. Nestlé muss sicherstellen, dass Arbeiter regulär beschäftigt und keine Kinder ausgebeutet werden." Solidar Suisse steht in Kontakt mit Nestlé und fordert vom Konzern vollständige Transparenz über die Palmöl-Lieferkette und weitergehende Maßnahmen, welche die Ausbeutung beenden sollen. Nestlé muss sich bei seinen Zulieferern und bei der Regierung von Sabah aktiv und vehement für eine Verbesserung der Situation der Arbeiter in den Plantagen einsetzen.

Das sagt Nestlé dazu:
Der Bericht von Solidar Suisse geht Nestlé zufolge auf ein Human Rights Impact Assessment von 2017 zurück, das der Lebensmittelkonzern gemeinsam mit dem Dänischen Institut für Menschenrechte durchführte. Nestlé lagen nämlich Hinweise vor, dass in Teilen der Palmöl-Lieferkette die Rechte der Arbeiter nicht angemessen respektiert werden. Infolgedessen arbeitete das Unternehmen mit dem Dänischen Institut für Menschenrechte und der Earthworm Foundation einen Aktionsplan aus. Dieser ist öffentlich einsehbar, die Maßnahmen werden bereits seit einiger Zeit umgesetzt. Diese Informationen sollen Solidar Suisse auch vorgelegen haben.