Samstag, 28. Juni 2014

Kreuzfahrt: Venedig in Not


Es gibt wenig ungeheuerlichere Anblicke in Venedig als der eines Kreuzfahrtdampfers im Guidecca Kanal. Bis zu fünfzehn Stockwerke hoch und doppelt so lang wie der Markusplatz stellen die schwimmenden Riesen Dogenpalast und Basilika regelmäßig in den Schatten. Jedes Jahr kommen etwa 650 solcher Luxusliner in die norditalienische Hafenstadt. Sie verdrängen tausende Tonnen von Wasser, das bedrohlich gegen alte Säulen und Gebäude drückt, und entladen über eine Million Touristinnen und Touristen in die historischen Gassen.

Durchfahrtsbeschränkung aufgehoben

Damit sollte im November letzten Jahres Schluss sein, als Italiens Regierung teils als Reaktion auf das Costa Concordia-Desaster beschloss, Riesendampfer über 100'000 Tonnen westlich am Guidecca Kanal vorbei durch die Lagune zu lenken. Für Venedigs Bürgerinitiative "No grandi navi" nur ein Teilerfolg, da für die Ausweichroute eine Fahrrinne in der Lagune vertieft hätte werden müssen, was das fragile Ökosystem dort weiter gefährdet hätte. Zudem wären immer noch bis zu 475 kleinere Kreuzfahrtschiffe in den Guidecca Kanal eingefahren. Doch immerhin war es ein Erfolg. Nun ist allerdings auch dieser Geschichte. Denn Ende März hob ein regionales Gericht im Veneto die Durchfahrtsbeschränkung unter Druck der venezianischen Hafenbehörde und der Schifffahrtsunternehmen wieder auf. Behörde und Unternehmen sind denn auch die beiden Hauptprofiteure des Kreuzfahrttourismus in Venedig, während die Stadt selbst kaum an den Touristenmassen verdient. Denn diese schlafen und essen am Liebsten an Deck.

Venedig auf der Liste der bedrohten Stätten

Die Entscheidung der Richter ist schwer zu verstehen. Nicht nur ist ein beträchtlicher Teil der Venezianer gegen die Durchfahrt der Riesendampfer, auch das historische Erbe der Stadt ist konkret von ihnen bedroht. Und deswegen kommen die Touristen doch dorthin. Nun hat der World Monument Fund (WMF) Venedig dieses Jahr neben Syrien und Timbuktu auf die Liste der bedrohten Stätten gesetzt. Denn selbst ohne einen stündlichen Tsunami durch die Kreuzfahrtschiffe kämpft Venedig gegen die schleichende Bedrohung durch den Anstieg des Meeresspiegels. Bereits vor zwei Jahren wies die UNESCO darauf hin, dass der mittlere Wasserstand bereits einen Fuß über dem Mittel des letzten Jahrhunderts stünde und dass "der Meeresspiegel eine Höhe erreichen wird, die für die Altstadt und die Lagune nicht tragbar ist".

Kurzzeitige Profitinteressen vor langfristigen Perspektiven

Das Problem liegt – wie so oft in Italien – bei der Politik. Das weiß auch die ehemalige Leiterin der britischen Stiftung "Venice in Peril" (Venedig in Gefahr), Anna Somers Cocks. Sie griff die lokale Regierung wegen ihrer Toleranz gegenüber den zerstörerischen Luxuslinern scharf an. Bürgermeister Giorgio Orsoni wies jedoch sämtliche Verantwortung von sich. Er kontrolliere die Schifffahrt im Guidecca Kanal ja gar nicht, gab er zu verstehen, das täte allein die Hafenbehörde. Hier dominieren kurzzeitige Profitinteressen über langfristige Perspektiven. Sollte die Entscheidung der Richter unangefochten so stehenbleiben, wird es eines Tages kein Venedig mehr geben, auf das man vom Deck eines Kreuzfahrtschiffes herunterschauen kann.
Quelle: akte, 1. Foto oben: Dan Davison, Flickr-creative commons

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