Freitag, 27. März 2015

Kakao: Massive Erhöhung der Einkommen nötig




Während die Wertschöpfungskette in der Schokoladenindustrie von immer weniger Großkonzernen dominiert wird, leben Westafrikas Kakaobauern meist weiter in extremer Armut. Die derzeit laufenden Initiativen und Programme sind nicht ausreichend, um den Herausforderungen in den Anbauregionen gerecht zu werden. Ausgehend von den wichtigsten Schlussfolgerungen des neuen Cocoa Barometers 2015 fordern europäische Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften, die die Studie gemeinsam herausgeben, eine fundamentale Reform des Sektors. “Trotz aller Bemühungen im Kakaosektor wird das Kernproblem nicht angegangen: Die extreme Armut der Kakaoanbauenden und ihre fehlende Stimme in den Debatten über Wege zu einem nachhaltigen Kakaosektor”, sagt Antonie Fountain, Co-Autor des Cocoa Barometers. Um die Zusammenhänge darzulegen, konzentriert sich das Cocoa Barometer auf eine Analyse der Verteilung der Wertschöpfung in der Lieferkette von Kakao und auf Daten zur aktuellen Einkommenssituation der westafrikanischen Kakaobauernfamilien.

Die Konsequenzen niedriger Einkommen

Ein großer Teil der westafrikanischen Kakaofarmer lebt unterhalb der Armutsgrenze. „In der Elfenbeinküste müssten die Einkommen vieler Familien etwa vervierfacht werden, damit deren Tageseinkommen auf umgerechnet zwei US-Dollar pro Kopf angehoben wird und sie oberhalb der international definierten Armutsgrenze leben können“, so der zweite Autor der Studie, Friedel Hütz-Adams vom Südwind-Institut. Die niedrigen Einkommen führen zu inakzeptablen Arbeitsbedingungen bis hin zu Menschenrechtsverletzungen wie Kinderarbeit, haben aber auch viele andere Probleme entlang der Wertschöpfungskette zur Folge. Der Anbau von Kakao ist für viele Bauern nicht mehr attraktiv und viele ihrer Kinder suchen andere Erwerbsquellen. Zugleich sind viele der derzeitigen Produzenten bereits relativ alt und werden ihre Plantagen nicht mehr lange bewirtschaften können.

Unfaire Verteilung

Einer der Gründe für die Verarmung der Kakaofarmer ist die unfaire Verteilung der Wertschöpfung und der Marktmacht. Fusionen und Übernahmen haben dazu geführt, dass wenige Großkonzerne bis zu 80 Prozent der einzelnen Teile der Wertschöpfungskette kontrollieren. Schokoladenproduzenten (wie Nestlé, Mars, Ferrero und Mondelez), Kakaoverarbeitern (wie Barry Callebaut und Cargill) und Einzelhandelsunternehmen haben große Macht auf dem Markt, um ihre Interessen durchzusetzen. Rund 5,5 Millionen Kleinbauern sind dagegen größtenteils unorganisiert und weitgehend machtlos. Die meisten Nachhaltigkeitsbemühungen der Industrie konzentrieren sich auf eine Steigerung der Produktivität. Dies ist in vielen Fällen nicht ausreichend, um die Einkommenssituation nachhaltig zu verbessern. Dies wirft die Frage auf, ob höhere an die Bauern ausgezahlte Kakaopreise nötig sind, um eine nachhaltige Kakaowirtschaft möglich zu machen. Doch neben einer Produktivitätssteigerung und höheren Preisen sind weitere Maßnahmen notwendig, darunter eine Diversifizierung des Anbaus, Investitionen in die Infrastruktur der Anbaugebiete, Reformen im Landbesitzsystem und der Zugang der Farmer zu Weiterbildungsmöglichkeiten und Informationen.

Mehr zertifizierte Schokolade

Seit der Veröffentlichung des ersten Cocoa Barometers im Jahr 2009 ist der Marktanteil von zertifizierter Schokolade von zwei Prozent auf fast 16 Prozent gestiegen. Die gängigen Label von Fairtrade, Utz Certified oder Rainforest Alliance/SAN sind bereits auf vielen Produkten zu sehen. Die meisten großen Unternehmen haben sich verpflichtet, bis zum Jahr 2020 ihre Schokolade vollständig aus zertifiziertem oder verifiziertem Kakao herzustellen. Allerdings sind nicht nur Verbesserungen der Zertifizierungssysteme nötig, sondern deren gezielte Koppelung mit weiteren Maßnahmen von Unternehmen und Regierungen. Um eine nachhaltigere Kakaowirtschaft aufzubauen, müssen alle Beteiligten der Wertschöpfungskette zusammenarbeiten. Unternehmen, Handel, Regierungen, doch auch Konsumenten sollten ihre Verantwortung übernehmen, um die weitreichenden Probleme zu lösen. Fountain kommt zu der Schlussfolgerung: „Wenn sich der Kakaosektor nicht fundamental verändert, dann wird es in Zukunft keine Kakaobauern mehr geben.“
Quelle: UD/pm

Dienstag, 24. März 2015

HUGO BOSS: Teure Anzüge zu Armutslöhnen



Mit Straßenaktionen und Online-Protesten haben Aktivistinnen und Aktivisten des Netzwerks INKOTA und der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) das Unternehmen HUGO BOSS aufgefordert, faire Löhne an seine Näherinnen und Näher zu zahlen und ihnen ihr Recht auf Organisationsfreiheit nicht weiter zu verwehren. Die Protestaktionen fanden im Vorfeld der Bilanzpresse- und Analystenkonferenz von HUGO BOSS statt, bei der das Unternehmen jährlich seinen Anlegern die finanziellen Ergebnisse präsentiert.

Teure Anzüge zu Armutslöhnen in der Türkei

Ungefähr die Hälfte der HUGO BOSS Produkte werden in Osteuropa und der Türkei hergestellt. Die Kampagne für Saubere Kleidung hat bei eigenen Recherchen in dieser Region festgestellt, dass auch in HUGO BOSS Zulieferbetrieben grobe Verstöße gegen international vereinbarte Arbeitsnormen stattfinden. Im Gegensatz zu öffentlichen Behauptungen des Unternehmens werden bei der Herstellung der teuer beworbenen Anzüge von HUGO BOSS keine fairen Löhne an die Näherinnen und Näher gezahlt. Die Kampagne für Saubere Kleidung hat 2013 Interviews mit ArbeiterInnen geführt, die für einen  türkischen Zulieferbetrieb von HUGO BOSS gearbeitet haben. Diese gaben an, durchschnittlich 326 Euro im Monat inklusive Überstunden und Zuschläge zu verdienen. Die offizielle Armutsgrenze liegt allerdings bei einem Mindesteinkommen von 401 Euro pro Monat und für einen angemessenen Basis-Existenzlohn ist ein monatlicher Lohn von 890 Euro nötig. Diese Armutslöhne steht in scharfem Kontrast zu den Gewinnen, die das Markenunternehmen HUGO BOSS erwirtschaftet: „In nur fünf Jahren haben wir den Gewinn verdreifacht“, verkündete Claus-Dietrich Lahrs, Vorstandsvorsitzender von HUGO BOSS, den Erfolgskurs des Unternehmens am 4. Februar 2015.

HUGO BOSS geht gegen Gewerkschaften vor

Doch damit nicht genug: HUGO BOSS geht darüber hinaus aggressiv gegen Gewerkschaften vor. In Izmir wurden seit 2011 hunderte Beschäftigte eingeschüchtert, schikaniert und schließlich entlassen, nur weil sie sich gewerkschaftlich organisieren wollten – ein auch in der Türkei gesetzlich verbrieftes Recht. Im Februar 2015 berichtete die türkische Gewerkschaft über drei neue Entlassungen. HUGO BOSS hat diese Fakten bislang negiert bzw. ignoriert.

INKOTA fordert ...

... dass HUGO BOSS das Menschenrecht auf einen existenzsichernden Lohn anerkennt, die Löhne sukzessive steigert, sich unabhängig prüfen lässt und Gespräche mit Gewerkschaften und der Kampagne für Saubere Kleidung aufnimmt.
Quelle: INKOTA



Samstag, 21. März 2015

Mehr Klarheit über Textilsiegel



Wer nachhaltig produzierte Kleidung kaufen will, bekommt Orientierungshilfe: Bundesentwicklungsminister Müller hat das Internetportal "textilklarheit.de" gestartet. Verbraucherinnen und Verbraucher können sich hier über die Glaubwürdigkeit von Umwelt- und Sozialsiegeln für Textilien informieren. Leider sei es immer noch schwierig, beim Kauf nachhaltiger Produkte –  vor allem bei Kleidung – Orientierung zu finden, so Bundesentwicklungsminister Gerd Müller zum Start des Internetportals. "Deshalb arbeiten wir darauf hin, dass Verbraucherinnen und Verbraucher es selbst in der Hand haben, sich für ein Produkt zu entscheiden, das unter menschenwürdigen Produktionsbedingungen, ökologisch und sozial vertretbar hergestellt wurde."

Bedeutung von Siegeln erkennen

Fachleute aus staatlichen Organisationen, Wissenschaft, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft haben gemeinsam im Auftrag der Bundesregierung ein Bewertungsschema entwickelt. Es legt offen, wer hinter dem jeweiligen Siegel steht, welche ökologischen und sozialen Inhalte es abdeckt und wie die Umsetzung kontrolliert wird. Das Schema verdeutlicht auch, welche Produktionsstufen, zum Beispiel Baumwollanbau oder textile Fertigung, abgedeckt werden.

Ein "Knopf" gibt Orientierung

Die Seite textilklarheit.de ist Teil des Portals siegelklarheit.de der Bundesregierung. Dort werden Siegel nicht nur für Textilien bewertet, sondern auch für andere Produkte wie Lebensmittel, Papier und Holz. Mit der zugehörigen App "Siegelklarheit" können sich Kunden direkt beim Einkauf im Laden über die Siegel informieren. Das Portal und die App starten mit der Bewertung gängiger Textilsiegel. Jedes Siegel ist mit einem Knopf versehen. Ist es glaubwürdig, erhält es einen "grünen Knopf". Je freundlicher das Gesicht und je dunkler das Grün desto höher sind die Standards, die das Unternehmen erfüllt. Wer beim Kauf hierauf achtet, kann dazu beitragen, dass mehr und mehr Unternehmen weltweit ihre Textilien ökologisch nachhaltig und sozial verantwortungsvoll herstellen.
Quelle: UD/pm

Mittwoch, 18. März 2015

Fairtrade-Textilstandard – mitdiskutieren erwünscht

Wie gestaltet man die komplexe Textilkette fairer? Seit der Einführung von fair gehandelter Baumwolle 2005 beschäftigt sich Fairtrade mit der Frage, wie man den Fairtrade-Ansatz auf die gesamte Wertschöpfungskette von Textilien ausweiten kann, damit auch beispielsweise Näherinnen vom Fairen Handel profitieren können. Auf verschiedene Pilotprojekte mit Textilherstellern in Indien und Südafrika folgte im vergangenen Jahr der offizielle Startschuss für die Entwicklung eines Fairtrade-Textilstandards, der die gesamte Lieferkette abdeckt. Jetzt geht der Entwurf in die öffentliche Konsultation. Zivilgesellschaftliche Organisationen, Hersteller, Händler und Experten sind aufgerufen, zu kommentieren und einen Beitrag zur weiteren Entwicklung zu leisten.

Engmaschige Produktionskette

Ende April jährt sich der Einsturz von Rana Plaza zum zweiten Mal und die Situation vor Ort hat sich nicht substanziell verbessert. Die Textilproduktionskette ist sehr komplex. Denn ein fertiges Kleidungsstück ist die Summe vieler einzelner Schritte. Schritte, die es auch in einem Textilstandard zu berücksichtigen gilt: Spinnen, Weben oder Stricken, Färben und Konfektionieren. Mit der Expertise aus über 20 Jahren Erfahrung im Einsatz für die Rechte und Arbeitsbedingungen von Kleinbauern und lohnabhängig  Beschäftigten nimmt sich Fairtrade dieser Herausforderung an. Die Basis bilden die Kriterien des Standards für Lohnabhängig Beschäftigte (Hired Labour Standard). Ziel ist es, die Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten entlang der textilen Lieferkette zu verbessern. Zu den Inhalten gehören beispielsweise Gewerkschafts- und Versammlungsfreiheit, Kriterien zu Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit und Umweltrichtlinien. Für die Kontrolle ist die Zertifizierungsorganisation Flocert zuständig. Der Fairtrade-Ansatz geht über Zertifizierung und Kontrollen hinaus und bietet in den Produktionsländern Unterstützung und Beratung bei der Umsetzung des Standards an.

Vom Mindestlohn zum existenzsichernden Lohn

Nicht weniger herausfordernd ist das Thema Löhne: Bislang gelten für Fairtrade-zertifizierte Organisationen landes- oder branchenübliche Mindestlöhne. Oft liegen diese aber unter einem existenzsichernden Niveau. Als erste Zertifizierungsorganisation strebt Fairtrade die Zahlung existenzsichernder Löhne an. Auch im Textilstandard soll dieses Ziel schrittweise erreicht werden. Der Entwurf wurde mit verschiedensten Anspruchsgruppen entwickelt und diskutiert und vor Ort in den Produktionsländern auf seine Umsetzbarkeit getestet. Ab dem 9. März steht die aktuelle Version des Textilstandards zur öffentlichen Konsultation zur Verfügung. Welche weiteren Aspekte müssen Beachtung finden? Wo sollte nachjustiert werden? In dem Multi-Stakeholder Ansatz sind Experten, Hersteller, Händler und Zivilgesellschaft aufgerufen, sich aktiv an der Entwicklung zu beteiligen. Alle Anmerkungen werden gesammelt und in den weiteren Prozess einbezogen.
Quelle: Fairtrade Deutschland

Sonntag, 15. März 2015

Erfolg für Greenpeace: Santander stoppt Kahlschlag-Kredite



Die Banco Santander wird nach Protesten von Umweltaktivisten und Kunden die umstrittenen Kredite an den indonesischen Papierkonzern APRIL nicht weiter verlängern. APRIL zerstört im großen Stil ökologisch wertvollen Regenwald, um Monokulturen anzulegen. Das belegen zahlreiche Greenpeace-Recherchen. „Mit dem Kreditstopp erteilt Santander der umweltfeindlichen Geschäftspraxis von APRIL eine klare Absage", sagt Gesche Jürgens, Waldexpertin von Greenpeace. Die unabhängige Umweltschutzorganisation hatte Santander am 10. Februar öffentlich mit dem Vorwurf konfrontiert, eine Firma mit Darlehen in zweistelliger Millionenhöhe zu unterstützen, die nachweislich in Raubbau und Konflikte mit der indonesischen Bevölkerung verstrickt ist. Nach eigenen Angaben will die Banco Santander die laufenden Kredite an APRIL nicht erneuern. Jegliche zukünftigen Kredite seien davon abhängig, wie APRIL neue Nachhaltigkeitsmaßnahmen implementiert. "Wir freuen uns, dass Santander sich so schnell einsichtig zeigt. Mit einer konsequent umgesetzten Nachhaltigkeitspolitik hätten Kredite für Kahlschlag allerdings gar nicht erst bewilligt werden dürfen. Wir fordern die Banco Santander deshalb auf, die Leitlinien für die Kreditvergabe im Forst- und Agrarsektor zu veröffentlichen, nachzubessern und die bestehenden Investitionen kritisch zu prüfen", so Jürgens.

Auch deutscher Großhändler bezieht Papier von zweifelhaftem Produzenten


Parallel zur Veröffentlichung der Greenpeace-Vorwürfe im Netz protestierten Aktivisten Anfang Februar direkt an einer Santander-Filiale in London. Bis Ende Febraur unterschrieben rund 150.000 Menschen die internationale Protestpetition. Die Santander Gruppe ist mit der Santander Bank, der Santander Direct Bank und der Santander Consumer Bank AG auch in Deutschland vertreten. Letztere betreut nach eigenen Angaben hierzulande rund 6,4 Millionen Kunden. Bei Greenpeace-Deutschland unterschrieben innerhalb weniger Tage tausende Menschen eine Protestpetition an die Banco Santander und verbreiteten über zehntausend Mal ein Bweisvideo über die Sozialen Medien. "Dieser Erfolg für den Waldschutz ist den Greenpeace-Unterstützern zu verdanken, die innerhalb kürzester Zeit gegen Kredite für Kahlschlag protestiert haben", sagt Jürgens.  Greenpeace deckt seit Jahren die Machenschaften des indonesischen Papier- und Zellstoffgiganten auf und konnte so bereits eine Reihe von Kunden wie den US-amerikanischen Bürobedarfskonzern Staples überzeugen, die Geschäftsbeziehungen mit APRIL zu beenden. In Deutschland verwendet Tchibo bis auf weiteres kein Papier des Konzerns mehr - im Gegensatz zum deutschen Großhändler Papier Union, der von seiner langjährigen Geschäftsbeziehung zu APRIL nicht abrücken will. "Nirgends auf der Welt schwinden die Tropenwälder schneller als in Indonesien und mit ihnen die Heimat seltener Arten wie Sumatra Tiger, Orang Utan und Malaienbär. Wir fordern die Kunden von APRIL auf, ihre Lieferverträge so lange auszusetzen, bis APRIL eine ambitionierte Waldschutz-Policy vorlegt und glaubwürdig umsetzt", so Jürgens.
Quelle: UD/na