Freitag, 15. November 2019

Unternehmen in der Pflicht: Menschenrechtsschutz im Kakaoanbau


Eine im Auftrag von INKOTA verfasste Studie belegt: Die Kakao- und Schokoladenindustrie setzt die UN-Vorgaben zur Einhaltung menschenrechtlicher Sorgfaltspflicht in ihren Lieferketten unzureichend um. Trotz freiwilliger Initiativen einiger Unternehmen gehören ausbeuterische Kinderarbeit, bittere Armut und Arbeitsrechtsverletzungen weiterhin zum Alltag im Kakaoanbau.

INKOTA und SÜDWIND fordern deshalb von der Bundesregierung ein Lieferkettengesetz, das Unternehmen verpflichtet, menschenrechtliche Risiken zu identifizieren und Abhilfe zu schaffen. Mehrere Konzerne, darunter Mondelez, Mars und Barry Callebaut, haben öffentlich eingeräumt, dass eine politische Regulierung zur Beendigung von Menschenrechtsverletzungen notwendig sei. „In den vergangenen zwanzig Jahren haben Unternehmen der Kakao- und Schokoladenindustrie wiederholt Regierungen in Europa und den USA davon überzeugt, dass sich Menschenrechtsverletzungen durch freiwillige Maßnahmen reduzieren ließen“, sagt Studienautor Friedel Hütz-Adams von SÜDWIND. „Heute ist offensichtlich, dass diese freiwilligen Initiativen gescheitert sind.“ Zur Reduzierung von ausbeuterischer Kinderarbeit werden zwar von einzelnen Unternehmen Projekte unterstützt. Diese erreichen aber nur einen kleinen Teil der vom Kakaoanbau lebenden Familien. Als Hauptursache von Kinderarbeit identifiziert Hütz-Adams in der Studie die weit verbreitete Armut in den Kakaoanbauregionen. Die Anhebung der Einkommen auf ein existenzsicherndes Niveau ist demnach eine Voraussetzung, um Menschenrechtsverletzungen im Kakaoanbau zu beenden. Mit dem derzeitigen Kakaopreis ist es für Bauern und Bäuerinnen in Westafrika aber nicht möglich, ein existenzsicherndes Einkommen zu erzielen. „Die Bundesregierung darf nicht länger dabei zusehen, wie täglich Kinder auf Kakaoplantagen arbeiten, und sie darf nicht länger auf freiwillige Initiativen vertrauen“, ergänzt die INKOTA-Referentin für Wirtschaft und Menschenrechte, Evelyn Bahn. „Wir brauchen ein Gesetz, dass dazu führt, dass Unternehmen ausreichend in den Menschenrechtsschutz investieren. Menschenrechte dürfen nicht dem Konkurrenzkampf von Unternehmen zum Opfer fallen.“ Auf dem hart umkämpften Kakao- und Schokoladenmarkt scheuen viele Unternehmen die notwendigen Investitionen, da sie einen Wettbewerbsnachteil befürchten. Eine gesetzliche Regulierung zur Einhaltung von Menschenrechten, die gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle schafft, wird daher auch von einigen der großen Kakao- und Schokoladenunternehmen unterstützt.

Unternehmen dürfen sich nicht hinter untätigen Regierungen und Zertifizierungen verstecken

Bereits 2011 wurden vom UN-Menschenrechtsrat die Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte verabschiedet. Sie schreiben vor, was Unternehmen tun müssen, um ihrer Sorgfaltspflicht nachzukommen. Darin ist auch festgehalten, dass Unternehmen sich nicht hinter der Untätigkeit von Regierungen verstecken dürfen, wenn es in ihren Lieferketten zu Menschenrechtsverletzungen kommt. Hütz-Adams kritisiert in der Studie, dass keines der Unternehmen der Kakao- und Schokoladenbranche bislang die von der UN formulierten Vorgaben flächendeckend umgesetzt hat. Der größte Teil der Unternehmen hat sich noch nicht einmal in einer Grundsatzerklärung zu den Anforderungen der Vereinten Nationen verpflichtet. Die Studie zeigt zudem, dass die Zertifizierung von Kakao durch Standards wie Fairtrade und Rainforest Alliance kein Ersatz dafür sind, dass Unternehmen selbst menschenrechtliche Risiken identifizieren und für Betroffene Abhilfe schaffen. Als Mitglieder im «Forum Nachhaltiger Kakao» fordern INKOTA und das SÜDWIND-Institut, die Mitgliedschaft in dieser Multi-Stakeholder-Initiative nach einer Übergangsfrist an die Umsetzung der menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht zu koppeln. Das «Forum Nachhaltiger Kakao» wurde vor sieben Jahren von der Bundesregierung, der Schokoladenindustrie, dem Einzelhandel und der Zivilgesellschaft gegründet. „Wir brauchen einen grundlegenden Paradigmenwechsel, um die Missstände im Kakaosektor anzugehen. Die Hoffnung, dass Menschenrechtsverletzungen im Kakaoanbau allein durch Zertifizierung beendet werden, hat sich nicht erfüllt. Das Forum Nachhaltiger Kakao muss sich in Zukunft daran messen lassen, ob die Mitglieder ihrer menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht nachkommen. Die Bundesregierung kann diesen Prozess mit einem Lieferkettengesetz unterstützen,“ erklärt Evelyn Bahn.
Quelle: UD/pm; Foto: Frank Herrmann



Montag, 4. November 2019

Die einen schuften, die anderen verdienen


Kleinbauern in Ländern des Globalen Südens verkaufen meist nur Rohstoffe. Die Gewinne durch Weiterverarbeitung machen andere. Geht es auch anders?

Wer auf einer kleinen Parzelle in Guatemala, Äthiopien oder Vietnam Kaffee anbaut, hat neben Klimaschwankungen, Pilzbefall und Landflucht ein weiteres Problem: Er ist abhängig von den Weltmarktpreisen. Kaffee ist einer der wichtigsten Handelsgüter weltweit. Seinen Preis bestimmen Börsen, Großkonzerne und Supermarktketten. Global Player, die die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern im Globalen Süden nie zu Gesicht bekommen haben. Sie liefern lediglich den Rohstoff. Weltweit setzt alleine die Kaffeeindustrie Schätzungen zufolge jährlich 200 Milliarden US-Dollar um. Doch an der Tasse Kaffee, die wir in Deutschland für zwei bis drei Euro im Café trinken, bleiben dem Kaffeebauer lediglich vier Cent pro Tasse. Kaffeebauern liefern ein Luxusprodukt, bleiben jedoch arm. Seit Jahren sind die Kaffeepreise im Keller und lagen zuletzt deutlich unter einem US-Dollar pro Pfund Rohkaffee. „Der Kaffeepreis ist an der Börse auf ein Niveau gesunken, von dem die Familien der Kaffeebauern nicht leben können“, sagt Manuel Blendin, Geschäftsführer des Forums Fairer Handel. An dieser Situation hat auch der Faire Handel bislang nur punktuell etwas ändern können. Denn die Weiterverarbeitung der Rohstoffe findet überwiegend in den Industrieländern des Nordens statt oder wird von kapitalkräftigen Unternehmen vor Ort erledigt. Während die Kaffeebauern unter der Talfahrt der Kaffeepreise ächzen, wachsen die  Gewinne der  Akteure, die Kaffee in den globalen Norden importieren, rösten, verpacken und verkaufen.  Die Akteure, das sind Multis wie Nestlé, Starbucks, Kraft Foods und deutsche Unternehmen wie die Neumann Kaffee Gruppe, Tchibo, Melitta und – Aldi. Der Discounter verarbeitet den Kaffee in eigenen Röstereien und kann ihn so konkurrenzlos günstig anbieten. Die im Dezember 2018 von mehreren Organisationen des Fairen Handels veröffentlichte Studie „Kaffee: Eine Erfolgsgeschichte  verdeckt die Krise“ belegt, dass die Wertschöpfung bei Röstern und Händlern in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren um 139 Prozent gestiegen ist. Recherchen des „Global Coffee Barometer 2018“ zeigen, dass nur zehn Prozent des Geldes, das weltweit mit Kaffee umgesetzt wird, in den Anbauländern verbleibt. 

Mit Wertschöpfung aus der Armutsfalle

Das extreme Ungleichgewicht zwischen Rohstoffpreisen und Gewinnen durch Wertschöpfung, also Mehrwert durch Weiterverarbeitung, ist den Akteuren des Fairen Handels bestens bekannt. Um Kleinbauern effektiver zu unterstützen, reiche es nicht nur auf einen gerechteren Erntepreis und die Fair-Prämie zu schauen, sagen sowohl Anhänger als auch Kritiker von Fair Trade. Denn solange die Erzeuger keine Möglichkeit haben, die Rohstoffe vor Ort weiterzuverarbeiten, bleiben sie arm – davon ist der Wirtschaftsexperte Ndongo Sylla überzeugt. „Afrika ist seit 200 Jahren in der Produktion von Rohstoffen gefangen“, sagt der Autor des Buchs The Fair Trade Scandal: Marketing Poverty to Benefit the Rich. „Ein Modell, das darauf aufbaut, weiter Rohware zu exportieren, wird nicht zu einem Ausstieg aus der Armut führen.“  Mehr Wertschöpfung im Ursprungsland „bietet den jüngeren Generationen eine Perspektive und den Produzenten neue Marktzugänge“, sagt Stefan Bockemühl, Geschäftsführer von El Puente. „Der Schlüssel liegt im Aufbau regionaler Märkte“, sagt Claudia Brück von Fairtrade Deutschland. „Das würde den Konsum von Kaffee im eigenen Land belassen und dadurch auch die Wertsteigerung.“ Kaffeeverarbeitung im Land, in dem der Kaffee angebaut wird, ist das eine. Aber Kaffee für die anspruchsvollen Kunden der Industrienationen zu rösten, mahlen und zu verpacken, ist ungleich schwieriger: Zwar ist Buchautor Sylla überzeugt, dass der Faire Handel eine viel größere Wirkung hätte, wenn Afrikaner ihren Kaffee oder Kakao vor Ort weiterverarbeiten und ihn dann in den europäischen Supermärkten verkaufen könnten. 

Weiterverarbeitung von Kaffee vor Ort – ein Weg voller Hindernisse

Aber wer gerösteten und gemahlenen Kaffee in die EU exportieren möchte, hat zahlreiche Hürden zu überwinden:  Die Kaffeemarken des Nordens benötigen große Mengen Kaffee in gleichbleibender Menge und Qualität. Doch bei den Kleinproduzenten fehlt es schlichtweg am Kapital für Röst- und Verpackungsmaschinen und dem Know-how, sie zu bedienen. Die Anforderungen der EU an Hygiene und Qualität von importierten Lebensmitteln sind hoch, der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Dünger ist streng geregelt, und manche Inhaltsstoffe sind schlichtweg verboten. Mitunter sind EU-Importzölle auf verarbeitete Lebensmittel höher als auf unverarbeitete, etwa bei Rohkaffee aus Brasilien oder Südafrika.  Hinzu kommt, dass die meisten Konsumenten Kaffeemischungen, sogenannte Blends, kaufen. „Ein Blend kann Kaffee aus Brasilien, Kolumbien und Guatemala beinhalten, und bei Espresso-Mischungen besteht der Kaffee oft aus 60 Prozent Arabica aus Lateinamerika und 40 Prozent Robusta aus Vietnam oder Ostafrika“, betont Simon Aebi, Kaffee-Experte bei Max Havelaar Schweiz. Bei diesen Blends sei eine Röstung vor Ort nicht möglich. Eine Hürde ist auch, dass in Europa  gerösteter Kaffee frischer ist und ein längeres Mindesthaltbarkeitsdatum hat – der Ablauf der Haltbarkeit eines Kaffees beginnt direkt nach der Röstung. Während des Transports nach Europa geht wertvolle Zeit verloren. Frische ist auch für Ingo Herbst vom Fairhändler Contigo einer der Hauptgründe, der gegen eine Verarbeitung vor Ort spricht. „Die Kaffees werden in unseren Läden geröstet und sind selten älter als drei Tage.“ Wer allerdings glaubt, dass es die Röster sind, die am meisten vom Geschäft mit der braunen Bohne profitieren, der irrt: „Die größte Wertschöpfung entsteht am Ende der Handelskette, also bei den Supermärkten, Bioläden und Discountern“, sagt Klaus Kruse vom Fairhändler Ethiquable Deutschland. „Der Lebensmitteleinzelhandel beansprucht Margen zwischen 30 und 50 Prozent vom Endpreis.“  Zu mindern sei dies nur durch direktere Handelswege und Margenbegrenzung, so Kruse.

Auf lokalen Märkten schneller zum Erfolg

Dass die Verarbeitung von Kaffee im Ursprungsland trotz aller Hindernisse funktionieren kann, zeigt im kleinen Umfang die Gepa. Sie lässt drei Kaffees im Herkunftsland verarbeiten: Frauen der Genossenschaft Aprolma in Honduras rösten inzwischen einen kleinen Teil der Kaffeebohnen für den Export. Von den 5,99 Euro, die das halbe Pfund Bio-Kaffee kostet, bleiben 1,87 Euro bei der Kooperative – „mehr als dreimal so viel wie beim konventionellen Kaffee“, sagt Gepa-Pressereferentin Brigitte Frommeyer. Im herkömmlichen Kaffeehandel sind es nur 68 Cent. Vergleichbare  Röstkaffeeprojekte gibt es auch in Guatemala und Ruanda. Fertig verarbeiteten Kaffee auch für die einheimischen Märkte zu produzieren, das gelingt vor allem größeren Fair-Trade-Genossenschaften, darunter Norandino in Peru, Cafenorte in Kolumbien und Expocaccer in Brasilien. In Tanzania haben die Mitglieder der Fairtrade-Kaffeekooperative KCU die Mehrheitsanteile einer Fabrik übernommen, die Instantkaffee produziert – sie verkaufen das fertige Endprodukt am lokalen Markt. „Damit bleibt der Großteil der Wertschöpfung im Land, und die Kooperative profitiert direkt von den Erlösen“, sagt Hartwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Österreich. Gerecht im Sinne des Fairen Handels ist es aber nur dann, wenn – wie im Fall von KCU – auch die Fabrik und die Maschinen der Kooperative gehören, damit Kleinbauern und Arbeiter wirklich profitieren. Denn „wenn die lokale Bourgeoisie, in deren Hand oftmals die wenige Industrie ist, oder wenn die im Land ansässigen Multis von der Weiterverarbeitung profitieren, ist für die Kleinbauerngenossenschaften wenig gewonnen,“ sagt Kruse.
Quelle: Frank Herrmann (zuerst veröffentlicht in der taz-Beilage Fairer Handel 14./15.9.19), Bild 1 und 4 von oben: Frank Herrmann

Donnerstag, 24. Oktober 2019

Der deutsche Rohstoffhunger und die Folgen


Zumindest rein materiell scheinen Palmöl und Kupfer- bzw. Molybdänerz nicht viel gemeinsam zu haben. Doch für unser Produktions- und Konsummodell haben beide die Bedeutung von Massenrohstoffen. Länder wie Mexiko und Guatemala produzieren sie massenhaft und richten ihre Wirtschaft auf den Export aus. Die Rohstoffe werden von deutschen Unternehmen importiert, die sie für die Verarbeitung in Alltagsprodukten wie Donuts und Smartphones aufbereiten. Die von der Christlichen Initiative Romero herausgegebene Studie „Der deutsche Rohstoffhunger“ zeigt auf, dass die Produktion der Rohstoffe ähnliche menschenrechtliche Folgen hat.
Quelle: ww.ci-romero.de 

Dienstag, 15. Oktober 2019

Flugverkehr: Zeit für Verantwortung


Fliegen ist die Aktivität einer kleinen globalen Elite – und sie verursacht Unmengen an klimaschädlichem CO2. Es wird Zeit, dass jeder Einzelne Verantwortung übernimmt.

Kommentatorinnen und Kommentatoren in verschiedenen deutschen Medien haben in den vergangenen Wochen behauptet, dass wir uns "für das Fliegen nicht schämen müssen". Zwei der am häufigsten angeführten Argumente sind diese: Das Fliegen stehe nur für wenige Prozent der globalen Emissionen, kein Flugreisender müsse sich da Gedanken machen. Und: bereits in naher Zukunft werde das Klimaproblem sowieso durch technische Innovationen gelöst, Fliegen werde immer effizienter. Aus wissenschaftlicher Sicht stellt sich das anders dar. Dazu muss man zunächst wissen, dass nur geschätzte drei Prozent der Weltbevölkerung innerhalb eines Jahres in ein anderes Land reisen. Auch in Deutschland nutzt weniger als die Hälfte der Bevölkerung das Flugzeug. Fliegen ist, zumindest global gesprochen, die Aktivität einer kleinen Elite. Auch innerhalb dieser Elite ist Flugaktivität nicht gleich verteilt. Es gibt einen kleinen Anteil von Flugreisenden, die sehr viel fliegen, bis zu 300 Mal im Jahr. Diese Vielflieger können Hunderttausende Kilometer zurücklegen und Tausende von Tonnen CO2 produzieren. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Erdbürger verursacht im Jahr Emissionen von weniger als fünf Tonnen CO2, selbst in Deutschland liegt der Durchschnitt bei "nur" neun Tonnen CO2.

Die Verantwortung für Emissionen übernehmen

Ob man fliegt, ist also sehr relevant für das Klima. Genau deswegen brauchen wir auch eine Debatte darüber, wer viele Emissionen verursacht und zu welchem Zweck. Es gibt Menschen, die fliegen einmal im Jahr in den wohlverdienten Urlaub zu einem nahen Ziel. Es gibt aber auch Geschäftsreisende, die zusätzliche Fernreisen machen, nur um in ihrer Vielflieger-Statusklasse zu bleiben. Auf Englisch spricht man von "mileage runs". Genau dies ist der Ansatzpunkt der Flugschamdebatte: Sie fordert jeden Einzelnen dazu auf, persönlich Verantwortung für Emissionen zu übernehmen. Die Bundesregierung versucht seit den Neunzigerjahren, die Industrie zu Emissionsminderungen zu verpflichten. Dieser produktionsbezogene Ansatz hat nicht funktioniert, die deutschen Klimaziele wurden verfehlt. Die Strategie hat auch deshalb nicht funktioniert, weil eine kleine Klasse von "Superemittern" immer größere Emissionen verursacht. Das Argument, der relativ kleine Anteil eines Wirtschaftssektors an den Gesamtemissionen mache diesen Sektor irrelevant, zeugt von einem grundlegenden Unverständnis der gesellschaftlichen Strukturen und Dynamik der Emissionsentwicklungen. Darum ist auch die Vorstellung falsch, durch Technologie alles richten zu können. Flugzeuge werden immer effizienter, das ist richtig. Es fliegen aber auch immer mehr Menschen. Effizienzgewinnen von einem Prozent pro Jahr steht ein Nachfragezuwachs von bis zu sieben Prozent pro Jahr gegenüber. In der Konsequenz verdoppeln sich die Emissionen aus dem Flugverkehr etwa alle 20 Jahre. Ohne ernstzunehmende Klimapolitik wird sich das nicht ändern. Um die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, müssen alle Sektoren ihre Emissionen reduzieren. Im Flugverkehr wird das nur möglich sein, wenn Abgaben in einer Höhe erhoben werden, die die Entwicklung alternativer Technologien und Treibstoffe ökonomisch sinnvoll macht. Abgaben sollten also in Abhängigkeit vom ausgestoßenen CO2 erhoben werden, ausreichend hoch sein (50 Euro pro Tonne sind realistisch), und kontinuierlich steigen.

Die Subventionen nutzen den Vielfliegern

Das Argument, eine solche Politik würde Arbeitsplätze vernichten oder arme Familien ihrer Urlaubsmöglichkeiten berauben, ist nicht haltbar. Der Flugverkehr ist in Deutschland massiv subventioniert, was dazu führt, dass es teurer ist, mit der Bahn zu fahren als zu fliegen. Diese Subventionen nutzen also insbesondere den vielfliegenden ökonomischen, kulturellen und politischen Eliten. Wirklich arme Familien fliegen nicht in den Urlaub. Sicherlich brauchen wir aber auch ein besseres Verständnis des Einzelnen, was CO2 ist und wie viel CO2 wo entsteht. Gerade bei den energieintensiven Flugreisen sollte besser nachvollziehbar sein, wie klimaschädlich diese sind. Dazu wäre es hilfreich, wenn Angaben zu Emissionen auf jedem verkauften Flugticket zu finden wären: "Diese Reise verursacht 800 Kilogramm CO2, das entspricht 20 Prozent der nachhaltigen Emissionen von 4000 Kilogramm CO2 pro Person und Jahr". Reisende können so nicht nur besser einschätzen, was eine Flugreise für das Klima bedeutet, sondern sich auch über Alternativen Gedanken machen: Nehme ich doch lieber den Zug? Welches ist die klimafreundlichste Fluggesellschaft? Sollte ich eine Klimakompensation kaufen? Sich für einen Flug zu schämen, ist also ein guter Einstieg in den Klimaschutz.

Stefan Gössling ist Professor am Institut für Service Management der Universität Lund und an der School of Business and Economics der Linné-Universität in Kalmar (beide Schweden). Er forscht zu Klimawandel, Mobilität und Tourismus. Gössling berät zahlreiche internationale Organisationen und Regierungen und ist Mitverfasser des 4. Rahmenberichtes des Weltklimarats IPCC.  


Quelle: Tourism Watch/Stefan Gössling; Bild Frank Herrmann