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Montag, 18. November 2024

Mangelhafte Beschwerdemöglichkeiten in der Schuh- und Lederbranche

Entlang globaler Lieferketten entspinnt sich ein Netz aus prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen. Um diese endlich zu verbessern, gibt es viele Regulierungen und Gesetze der UN, der EU aber auch deutsche Gesetze, wie zum Beispiel das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz. Diese sollen verhindern, dass Menschenrechte verletzt werden. Sie sollen ebenfalls regeln, wie Arbeiter*innen sich beschweren können, falls es zu Problemen kommt und /oder Arbeitsrechte verletzt werden. In der Theorie eine gute Idee. Doch wie werden diese sogenannten „Beschwerdemechanismen“ umgesetzt? Wissen Beschäftigte von diesen Systemen?

 

 

Defizitäre Beschwerdesysteme

Die Ergebnisse einer neuen INKOTA-Studie sind erschütternd: Arbeitnehmer*innen haben verschiedene Hindernisse Beschwerden einzureichen: Unter anderem gibt es zu wenige Vertretung durch Gewerkschaften und es ist unklar, wie Beschwerden sicher eingereicht werden können. Außerdem haben sie Angst vor Konsequenzen in Form von Verlust des Arbeitsplatzes, des Lohns oder der Sozialleistungen. Auch waren die Arbeitnehmer*innen skeptisch gegenüber den bestehenden Mechanismen, die ihrer Meinung nach von der Unternehmensleitung komplett manipuliert würden. Die aktuell etablierten Systeme für Beschwerde und Abhilfe in der Lieferkette von Schuhen und Leder sind defizitär. Sie erfüllen nicht die Kriterien der Wirksamkeit der UN-Leitprinzipien oder den Ansprüchen des Lieferkettengesetzes.

Deutsche Schuhunternehmen in der Pflicht

Untersucht wurde der Zugang und die Wirksamkeit von Beschwerdesystemen in Produktionsstätten u.a. von Zara, Bata, Bugatti, Clarks, Deichmann, Ecco, Jack & Jones, Mango oder Xero Schuhe. Laut zugänglichen Handelsdaten aus dem Jahr 2023 fallen die Unternehmen unter das Sorgfaltspflichtengesetz (LkSG) und/ oder sind Mitglieder diverser Initiativen (wie amfori BSCI, CADS, der Fair Wear Foundation und des Textilbündnis). Mit den Ergebnissen dieser Studie möchte wir INKOTA in den Dialog mit den Akteuren der Wertschöpfungskette gehen und die Implementierung von effektiven Beschwerdesystemen in indisch-deutschen Beschwerdesystemen in deutsch-indischen Lieferketten der Leder- und Schuhindustrie diskutieren.

Quelle: Inkota

Montag, 24. April 2023

Labels für Leder und Schuhe im Check

Bei der Produktion von Lederwaren und Schuhen sind massive Arbeitsrechtsverletzungen keine Seltenheit. Geringe Löhne, extrem lange Arbeitstage und kaum regulierte Arbeitsbedingungen sind die Regel. Dazu kommen ein intensiver Einsatz gefährlicher Chemikalien, mangelhafte Schutzausrüstung und weitreichende Umweltrisiken.

Arbeitsrechte und soziale Kriterien werden von den gängigsten Leder- und Schuhsiegeln vernachlässigt. Die Schuh- und Lederbranche setzt die Anforderungen des deutschen Lieferkettengesetzes nicht ausreichend um, sondern versteckt sich hinter freiwilligen Siegeln. Das ist das Ergebnis einer gemeinsamen Untersuchung der entwicklungspolitischen Organisationen INKOTA und Südwind Österreich. Zu den sechs untersuchten Qualitäts-Labels gehören das "Umweltzeichen Blauer Engel für Schuhe", "Oeko-Tex Leather Standard", "Naturleder IVN zertifiziert", das "Österreichische Umweltzeichen" sowie die beiden Business-to-Business- Zertifizierungssysteme "Leather Working Group (LWG)" und "Higg Brand and Retail Module (HiggBRM)". Lediglich zwei, der Blaue Engel und das Österreichische Umweltzeichen beruhen auf gesetzlichen Regelungen. Vier weitere Systeme orientieren sich bei der Auswahl ihrer technischen, ökologischen oder sozialen Kriterien vornehmlich an den Interessen der beteiligten Unternehmen. Die Mehrzahl der beschriebenen Zertifizierungssysteme legt ihr Augenmerk auf die Erfassung umwelt- und materialbezogener Indikatoren.

Große Schwächen bei sozialer Nachhaltigkeit

Keines der Siegel beinhaltet Angaben zu existenzsichernden Löhnen oder zum risikobasierten Ansatz von Sorgfaltspflichten. Auch bei sozialen Kriterien weisen die Zertifizierungen große Mängel auf: Bei der Leather Working Group, dem Oeko-Tex Leather Standard und HiggBRM sind sie für die Vergabe des Siegels nicht nötig. Bei der Leather Working Group ist es sogar möglich, ohne ein Sozial-Audit die Kennzeichnung "Gold-Medaille" zu erhalten. Der HiggBRM stellt überhaupt keine Informationen öffentlich, die Einblick in die Risikoanalyse und die Maßnahmen geben, die Unternehmen zur Minimierung oder Vermeidung der Risiken entlang der Lieferkette ergreifen. Das Fazit: "Wer ein Gütesiegel sucht, das umfassende nachhaltige Produktionsbedingungen kennzeichnet, wird bei den auf dem Markt bestehenden Zertifizierungen für Leder, Lederwaren und Schuhen nicht fündig", so Berndt Hinzmann, Referent für Wirtschaft und Menschenrechte bei INKOTA. "Denn die zentralen Säulen der Nachhaltigkeit - soziale und ökologische Kriterien - sind nicht gleichwertig im Fokus und weisen Lücken auf."

Quelle: Inkota


 

Mittwoch, 20. Januar 2021

Corona: dramatische Lage indischer Schuh- und Lederarbeiter

Extreme Einkommensverluste, fristlose Kündigungen, Verschuldung, kaum soziale Sicherungssysteme - im Zuge der Covid-19-Pandemie ist die Sicherung der Lebensgrundlage der Arbeiterinnen und Arbeiter der indischen Schuh- und Lederproduktion noch stärker gefährdet als zuvor. Das belegt die Studie "Wenn aus zu wenig fast nichts wird", die SÜDWIND und INKOTA veröffentlicht haben. Die Arbeiter haben als schwächstes Glied der globalen Lieferkette nahezu keine Möglichkeit, ihre Rechte einzuklagen. Viele Jahre lang hat die deutsche Schuhindustrie von Missständen in Produktionsländern wie Indien profitiert. Die herausgebenden Organisationen fordern die deutsche Schuhindustrie deshalb dazu auf, ihrer menschenrechtlichen Verantwortung endlich gerecht zu werden. "Es ist erschütternd, was unsere Partnerorganisationen in Indien herausgefunden haben", sagt Berndt Hinzmann von INKOTA/Change Your Shoes. "Die Menschen in der Schuh- und Lederproduktion leiden unter extremen Einkommensverlusten, Löhne wurden nicht gezahlt, der Zugang zu sozialen Sicherungssystemen ist völlig ungenügend. Anstatt diesen Verhältnissen politisch entgegenzuwirken, werden die Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter in Indien im Zuge der Covid-19-Krise weiter drastisch beschnitten."

Corona verschlimmert bestehende Missstände

Während der Ausgangssperre erhielt mehr als ein Drittel der Befragten drei Monate lang keinen Lohn. Die meisten von ihnen lebten in dieser Zeit in einem Haushalt ganz ohne Einkommen. Fast vierzig Prozent der Befragten konnten nach der Ausgangssperre ihre Arbeit nicht wiederaufnehmen, vor allem aufgrund von Kündigungen ohne Abfindung. Weitere zwanzig Prozent der Arbeiter mussten ein reduziertes Gehalt akzeptieren. Seit Jahren bestehen diese Missstände, doch die Pandemie verschlimmert die Situation der Arbeiter drastisch. Nie war deutlicher, dass die mangelnde Umsetzung der Menschenrechte bei der Arbeit und die niedrigen Löhne die Menschen im Krisenfall unmittelbar in existenzielle Not stürzen und Gesellschaften destabilisieren. Der Notsituation der Arbeiterinnen und Arbeiter in Indien liegen strukturelle, globale Probleme zugrunde. "Deshalb müssen Unternehmen in Deutschland endlich Verantwortung für ihre Lieferketten übernehmen", fordert die Autorin Jiska Gojowczyk von SÜDWIND. "Geschäftspraktiken, die Ungleichheit ausnutzen und verstärken, dürfen sich nicht mehr lohnen. Dazu müssen die Schuhindustrie ebenso wie die politischen Entscheidungsträger aktiv beitragen - zum Beispiel durch ein Lieferkettengesetz und ambitionierte Umsetzungsinitiativen." Für die Studie "Wenn aus zu wenig fast nichts wird" haben die indischen Organisationen SLD und Cividep 115 Arbeiterinnen und Arbeiter aus indischen Schuhfabriken und Gerbereien in den Bundesstaaten Uttar Pradesh und Tamil Nadu befragt.

Quelle: Inkota

 

HIER GEHT’S ZUR STUDIE