Sonntag, 6. Oktober 2019

Fast Fashion – eine Bilanz in drei Teilen


Fast-Fashion-Marken reagieren ganz kurzfristig auf neue Trends, bringen fast wöchentlich neue Kollektionen auf den Markt und das zu absoluten Niedrigpreisen. Spätestens seit dem Einsturz des Rana-Plaza-Fabrikgebäudes in Bangladesch 2013 steht dieses Wirtschaftsmodell in der Kritik, weil es den Preis- und Zeitdruck in der Lieferkette weitergibt – bis zu den Arbeiterinnen und Arbeitern, die die Mode unter menschenunwürdigen Bedingungen fertigen. Die Christliche Initiative Romero (CIR) zieht in diesem Dossier nun eine ausführliche Bilanz über die ökologischen und sozialen Folgen der Fast-Fashion-Industrie und beleuchtet besonderes die Verantwortung der Marken.





Teil 1 – Arbeitsbedingungen untersucht konkret in zehn Textilfabriken in Sri Lanka, unter welchen Bedingungen Fast Fashion für Primark und C&A produziert wird.


Teil 2 – Einkaufspraktiken gibt Aufschluss darüber, wie die Fast-Fashion-Marken ihre Produkte beschaffen und mit ihrem Einkaufsverhalten für unwürdige Arbeitsbedingungen und Ressourcenverschwendung sorgen – und was sie ändern müssen, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden.


Teil 3 – Die Folgen in Zahlen bietet in vielen Infografiken eine Übersicht über das verheerende Ausmaß menschlicher und ökologischer Ressourcen, die die Fashion-Industrie jährlich verschlingt.

Quelle: Christliche Initiative Romero (CIR)



Freitag, 27. September 2019

Importiert Nestlé Palmöl aus Zwangs- und Kinderarbeit?


In fast jedem sechsten Produkt im Schweizer Detailhandel steckt Palmöl. Auch in den Produkten des Schweizer Nahrungsmittelriesen Nestlé ist Palmöl omnipräsent. Eine neue Recherche von Solidar Suisse zeigt, wie Arbeiter und Arbeiterinnen auf Plantagen in Malaysia, von denen Nestlé Palmöl bezieht, ausgebeutet werden. Auch Kinder- und Zwangsarbeit ist weit verbreitet.

Die Schweiz bezieht ein Drittel des Palmöls aus Malaysia. Ein großer Teil davon stammt aus dem Bundesstaat Sabah, im Nordosten der Insel Borneo. Die schwere und gefährliche Arbeit auf den Plantagen machen hauptsächlich Arbeitsmigranten aus Indonesien. Obwohl die Industrie auf sie angewiesen ist, leben von den insgesamt 1,2 Millionen Arbeitsmigranten in Sabah 70 Prozent ohne gültige Papiere in der Illegalität. Aufgrund regelmäßiger Polizeirazzien sind sie gezwungen, sich auf den abgelegenen Plantagen versteckt zu halten. Ohne jeglichen rechtlichen Schutz sind sie der Willkür der Plantagenbesitzer ausgeliefert, welche ihnen nicht nur die Arbeitsbewilligung vorenthalten, sondern häufig auch den indonesischen Pass entziehen. Bei Fehlverhalten wird mit der Polizei oder der Entlassung gedroht und die Löhne reichen oft nicht zum Leben. "Mein Einkommen hängt von der Ernte ab. Wenn es nur wenige Früchte gibt, ist mein Einkommen niedrig. Manchmal ist es nicht einmal genug fürs Essen." sagt Abduh, ein Pflücker. Zwischen 50.000 und 200.000 Kinder leben mit ihren Eltern auf diesen Plantagen und unterstützen sie bei der Arbeit. Auch die Jugendliche Ati ist eines dieser Kinder: "Ich bin auf der Plantage geboren und aufgewachsen und konnte nie zur Schule. Seit ich mich erinnern kann, helfe ich meinen Eltern beim Sammeln der Früchte." Kinder, die auf den Plantagen geboren wurden, sind häufig sogar staatenlos, denn Malaysia stellt keine Geburtsurkunden für Kinder von Arbeitsmigranten aus. Diese Kinder haben keinen Zugang zu öffentlichen Schulen oder zu medizinischer Versorgung und somit kaum Chancen auf ein Leben außerhalb der Palmölplantage.

Nestlé kauft Palmöl aus den untersuchten Plantagen

Der weltweit größte Nahrungsmittelkonzern Nestlé bezieht Palmöl aus Sabah im großen Stil, auch aus jenen Mühlen, die von den untersuchten Plantagen beliefert werden. Nestlé und andere Lebensmittel- und Agrarkonzerne profitieren damit indirekt von den Tiefstlöhnen, dem mangelnden Schutz der Arbeiter sowie der Kinder- und Zwangsarbeit auf den Palmölplantagen. Die tiefen Arbeitskosten sind Mitursache für den billigen Weltmarktpreis, der die Verwendung des Rohstoffs weiter befeuert: Ein Teufelskreis, der auf Kosten von Mensch und Umwelt geht. Von einem Leisi-Blätterteig von Nestlé für 3.20 Franken gehen nur 0.02 Rappen an die gesamten Arbeitskosten auf den Plantagen. Obwohl Nestlé beteuert, keine Zwangs- und Kinderarbeit in der Lieferkette zu dulden, sind diese schlimmsten Formen der Ausbeutung in den Lieferketten des Konzerns weit verbreitet. Dies zeigt einmal mehr, dass Themen wie Menschen- und Arbeitsrechte immer noch zu weit unten auf der Prioritätenliste grosser Konzerne stehen. Um das zu ändern, braucht es gesetzliche Regeln, wie dies beispielsweise die Konzernverantwortungsinitiative fordert. Simone Wasmann, Co-Autorin der Palmölrecherche, sieht Handlungsbedarf bei Nestlé: "Wenn Nestlé es wirklich ernst meint mit sozialer Verantwortung und Nachhaltigkeit, dann muss der Konzern nun auf seine Zulieferer und Geschäftspartner in Sabah Einfluss nehmen. Nestlé muss sicherstellen, dass Arbeiter regulär beschäftigt und keine Kinder ausgebeutet werden." Solidar Suisse steht in Kontakt mit Nestlé und fordert vom Konzern vollständige Transparenz über die Palmöl-Lieferkette und weitergehende Maßnahmen, welche die Ausbeutung beenden sollen. Nestlé muss sich bei seinen Zulieferern und bei der Regierung von Sabah aktiv und vehement für eine Verbesserung der Situation der Arbeiter in den Plantagen einsetzen.

Das sagt Nestlé dazu:
Der Bericht von Solidar Suisse geht Nestlé zufolge auf ein Human Rights Impact Assessment von 2017 zurück, das der Lebensmittelkonzern gemeinsam mit dem Dänischen Institut für Menschenrechte durchführte. Nestlé lagen nämlich Hinweise vor, dass in Teilen der Palmöl-Lieferkette die Rechte der Arbeiter nicht angemessen respektiert werden. Infolgedessen arbeitete das Unternehmen mit dem Dänischen Institut für Menschenrechte und der Earthworm Foundation einen Aktionsplan aus. Dieser ist öffentlich einsehbar, die Maßnahmen werden bereits seit einiger Zeit umgesetzt. Diese Informationen sollen Solidar Suisse auch vorgelegen haben.

Sonntag, 15. September 2019

Faire Woche 2019: Gleiche Chancen durch Fairen Handel



Weltweit leisten Frauen den Großteil der Erwerbs- und Reproduktionsarbeit, werden aber in vielen Bereichen immer noch strukturell benachteiligt. Sie bekommen für die gleiche Arbeit weniger Lohn als Männer und sind seltener in Führungspositionen vertreten. Außerdem haben viele Frauen und Mädchen keinen Zugang zu wichtigen Ressourcen wie Bildung, Land, Krediten oder einem eigenen Einkommen. So bleiben Frauen in einer Spirale der Armut gefangen – und ihr Umfeld gleich mit. „Ein Leben frei von Diskriminierung und Gewalt sowie gleiche Rechte für alle – Frauen und Männer, Mädchen und Jungen – sind unabdingbare Voraussetzungen für nachhaltige Entwicklung“, betont Bundesentwicklungsminister Gerd Müller, Schirmherr der 18. Fairen Woche, die vom 13. bis 27. September dauert. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen könnte die Zahl der hungerleidenden Menschen um 150 Millionen reduziert werden, wenn Frauen im Agrarsektor die gleichen Rechte wie Männer hätten. Die ungleiche Machtverteilung in konventionellen Lieferketten verhindert das Recht von Produzent*innen und Arbeiter*innen auf würdige Arbeitsbedingungen sowie faire und gleiche Bezahlung. Das betrifft insbesondere Frauen, die häufig am Anfang der Lieferkette stehen. „Sie sind es, die die Folgen der Preiskämpfe unter den Einzelhandelskonzernen sowie unseres Billigkonsums tragen“, erklärt Andrea Fütterer, Vorstandsvorsitzende des Forum Fairer Handel im Namen der Veranstalter der Fairen Woche. Bundesentwicklungsminister Gerd Müller ergänzt: „Menschenwürdige Arbeit weltweit durchsetzen – das ist die soziale Frage des 21. Jahrhunderts. Gemeinsam können wir die Globalisierung gerecht gestalten – für Frauen und Männer gleichermaßen.“

Fairer Handel stärkt Frauenrechte

„Der Faire Handel ist ein Schlüssel, um die Gleichberechtigung der Geschlechter weltweit voranzubringen“, erklärt Schirmherr Gerd Müller. „Darum ist es gut, dass die diesjährige Faire Woche mit einer Vielzahl von Veranstaltungen darauf aufmerksam macht, welchen Beitrag wir hier in Deutschland dazu leisten können“, so der Bundesentwicklungsminister weiter. Gleichberechtigung zu fördern, zählt zu den internationalen Grundsätzen des Fairen Handels. Dieser verschafft Frauen einen Zugang zu Bildung, einen gerechten Lohn für ihre Arbeit und bezieht sie in Entscheidungsprozesse ein. Laut World Fair Trade Organization erreichen Frauen, die für ein Fair-Handels-Unternehmen tätig sind, mit viermal so hoher Wahrscheinlichkeit eine Position in der obersten Führungsebene als Frauen, die für konventionelle Unternehmen arbeiten. Damit Frauen ihr volles Potenzial entfalten können, gilt es, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu verändern, die Gleichberechtigung verhindern. Die Stärkung von Frauen kommt nicht nur ihnen selbst, sondern der Gemeinschaft zugute: Denn Frauen investieren ihr Einkommen vermehrt in das Wohl ihrer Familien, in Bildung und Gesundheit. Das bestätigt auch Patience Essibu vom Fair-Handels-Unternehmen „Global Mamas“ aus Ghana: „Frauen in die Lage zu versetzen, finanziell unabhängig zu sein, leistet einen wichtigen Beitrag dazu, die Wirtschaft eines ganzen Landes zu stärken und Arbeitslosigkeit zu reduzieren.“ Die Gründerin des ghanaischen Textilunternehmens „Global Mamas“ wird während der Fairen Woche durch Deutschland reisen. Auf verschiedenen Veranstaltungen wird sie davon berichten, wie Frauen durch „Global Mamas“ unterstützt werden, eigene Kleinbetriebe aufzubauen oder ihr Potenzial als Angestellte zu entfalten.

Volle Kanne Gleichberechtigung

Auch der Kaffeesektor ist von einem großen Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern geprägt: Während bis zu 70 Prozent der Feldarbeit von Frauen übernommen wird, besitzen sie gerade einmal 15 Prozent des Landes und der gehandelten Bohnen. Dass es anders geht, zeigen zwei Kaffeeexpertinnen aus Honduras und Ruanda: Zum Auftakt der Fairen Woche reisen sie nach Berlin und erzählen, wie Gleichberechtigung in die Kaffeekanne kommt. Mit dabei ist Marthe Uwiherewenimana, Präsidentin des Aufsichtsrates der ruandischen Kooperative KOPAKAMA. Die Kaffeekooperative hat sich die Gleichberechtigung von Frauen sowie die Versöhnung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Ruanda auf die Fahne geschrieben. Die Genossenschaft wird von einer Frau geleitet. „In einigen Ländern Afrikas ist die Arbeitsteilung noch stark von Männern geprägt, während Frauen bei den Entscheidungen dazu ausgeschlossen sind“, erklärt Marthe Uwiherewenimana. „Wir müssen Frauen stärker fördern, damit sie die gleichen Chancen wie Männer bekommen.“
Auch die Kaffeekooperative APROLMA in Honduras steht für die Stärkung von Frauenrechten. APROLMA ist eine reine Frauenorganisation, die hochwertigen Bio-Kaffee vermarktet. Der neueste „Frauenkaffee“ der Kooperative wird auch in Honduras geröstet und verpackt: "Damit bleibt praktisch die komplette Wertschöpfung im Land, hier in unserer Organisation“, erklärt Dolores Cruz Benitez von APROLMA. „Wir sind sehr stolz, die ersten Kaffeebäuerinnen in Honduras zu sein, die diesen Kaffee nach Europa exportieren.“

Quelle: Forum Fairer Handel; Fotos: Frank Herrmann






Mittwoch, 4. September 2019

Nachhaltigkeit endet meist an der Kasse



38 Prozent wünschen sich in Deutschland mehr zertifizierte Kaffee-Produkte im Regal. Die Deutschen sind im internationalen Vergleich aber am wenigsten bereit, einen Aufschlag für verantwortungsbewusste Produktion von Kaffee zu zahlen. Immerhin: Umwelt- und Nachhaltigkeitssiegel haben hohe Glaubwürdigkeit, obwohl die Standards dieser Zertifizierungen beim Verbraucher kaum bekannt sind.   Der neue CSR-KOMPASS (CSR = Corporate Social Responsibility) des Marktforschungs- und strategischen Beratungsunternehmens smartcon Gmbh und der CSR-Beratungsagentur KESSLER! Kommunikationsberatung beleuchtet die Einstellungen zu Nachhaltigkeitsthemen bei Kaffee-Konsumenten im internationalen Vergleich: Deutschland, Großbritannien, Italien und USA. Für 73 Prozent der deutschen Verbraucher ist verantwortungsbewusste Produktion von Kaffee ein wichtiges Anliegen, und 62 Prozent sind der Ansicht, dies rechtfertigt grundsätzlich auch einen höheren Preis. Wenn es aber um den eigenen Geldbeutel geht, sind die Deutschen mit 23 Prozent im internationalen Vergleich am wenigsten bereit, einen Aufschlag für nachhaltig produzierten Kaffee zu zahlen.

Auch bei nachhaltigem Kakao wenig Zahlungsbereitschaft

Ähnliche Ergebnisse hat auch der CSR-KOMPASS zum Thema Schokolade 2018 gezeigt. Nur eine kleine Gruppe von neun Prozent in der Bevölkerung, die sogenannten „CSR-Enthusiasten“, gibt dem Thema Nachhaltigkeit einen so hohen Stellenwert, dass sie eine erhöhte Zahlungsbereitschaft beim Kauf nachhaltiger Süßwaren an den Tag legt. Die größte Gruppe (36 Prozent) waren die „politisch korrekten“, die zwar auf Nachfrage CSR-Themen als wichtig erachten, allerdings bleibt es bei ihnen bei einer romantischen „CSR-Schwärmerei“ und führt kaum zu einer Steigerung der Zahlungsbereitschaft.
Quelle: UD/pm